Zwei "schwierige Schwestern"
Was gegen Lese- und Rechenschwäche getan wird
Marpingen (ara). Drei plus sechs macht neun - das weiß doch jedes Kind im ersten Schuljahr. Oder etwa doch nicht? In der Tat bereitet solch eine Rechnung den meisten ABC-Schützlingen keine größeren Schwierigkeiten. Aber manchen eben doch. Und das hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun, wie die neurologische Forschung nachweist.
Ein Projektor wirft zehn leere Rechenkästchen auf die weiße Leinwand, die, gut sichtbar über den Köpfen der Zuschauerreihen, auf der Bühne in der Aula der Gesamtschule in Marpingen thront. Der Landesverband Legasthenie Saarland (LVLS), aus einer ehrenamtlichen Eltern-Selbsthilfegruppe gewachsen, lädt, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Lehrerfort- und Weiterbildung, dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien und dem Grundschulverband LG Saarland, zur sechsten interdisziplinären Fachtagung über neue Forschungserkenntnisse und daraus resultierende Hilfestellungen für die beiden so genannten "schwierigen Schwestern", die Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und die Rechenschwäche (Dyskalkulie). Silvia Wessolowski, Oberstudienrätin für die mathematikdidaktische Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, füllt einige der weißen Felder mit roten Rechenblättchen aus und doziert über wesentliche Bausteine individueller Förderung rechenschwacher Kinder in der Schule und zu Hause. "Die Kinder sollten lernen, Textaufgaben, bei denen sie Zahlen häufig willkürlich kombinieren und in beliebige Rechenoperationen zusammenfügen, in die Bildsprache quasi zu übersetzen", fordert sie. "Dafür können sie kleine Skizzen anfertigen, die ihnen dabei helfen werden, die geforderten Rechenschritte besser nachzuvollziehen", fügt sie hinzu.
Elisabeth Schmidt ist Grundschullehrerin in Beckingen. Gebannt folgt sie dem Vortrag und notiert sich den neusten Forschungsstand. "Ich befasse mich eingehend mit der Lese-und Rechtschreibschwäche und der Rechenschwäche und bin deshalb auch sehr motiviert, an interdisziplinären Fachtagungen teilzunehmen", erklärt sie. "Der Austausch zwischen Lehrern, Ärzten, Kultusministerium und den betroffenen Eltern ist unabdingbar für die Forschung der Störungen, damit den Kindern so schnell wie möglich die enorme psychische Belastung genommen wird", so die Pädagogin.
Brigitte Klos-Bollbach, die Vorsitzende des LVLS kritisiert die Bildungspolitik des Landes im Schlussplenum: "Die Eltern sind oft alleine gelassen und erwarten sich konkretere Hilfe von Fachleuten, die aber nicht gewährleistet ist." "Unsinn", kontert der Regierungsschulrat Stefan Britz. Die Diagnose und die Beratung sei in den Schulen sichergestellt durch gut geschultes Lehrerpersonal.