28.10.2000, Saarbrücker Zeitung

Ein bisschen mehr Zeit für die Klassenarbeit

Warum Legastheniker Mühe mit Buchstaben haben - Landesverband tagt in Lebach Lebach (wp).

Pädagogen der 70er Jahre glaubten noch an "Milieu" -Schädigungen, heute weiß man es besser: Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), auch Legasthenie genannt, kommt auch in den so genannten besten Familien vor und hat biologische, vererbbare Ursachen. Soviel bekannt ist, verarbeitet das Gehirn von Legasthenikern optische und akustische Eindrücke von Sprache anders. Es handelt sich um eine konstruktive Besonderheit, keine Krankheit. Legastheniker sind nicht "dumm" , sie haben nur mehr Mühe und brauchen mehr Zeit, Buchstaben zu ganzen Wörtern zusammenzusetzen oder Texte zu entschlüsseln. Sie lassen Buchstaben aus oder verdrehen sie, ihr Langzeitgedächtnis für Sprache ist beeinträchtigt. Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass Legastheniker verstärkt in den "kreativen" und künstlerischen Berufen anzutreffen sind oder als Mathematiker und Techniker ihren Weg machen. Reinhard Mey, Steven Spielberg oder Thomas A. Edison sollen zu den prominenten Legasthenikern gehören.

Brigitte Klos-Bollbach (St. Wendel), Vorsitzende des Landesverbandes Legasthenie Saarland, schätzt, dass sechs bis acht Prozent eines Schuljahrgangs unter LRS leiden, also etwa ein Kind pro Klasse. Das Problem: Die Beeinträchtigung wird nicht oder zu spät erkannt. Die Verbesserung der schulischen Situation von legasthenen Kindern ist denn auch, neben der Unterstützung betroffener Familien, das Hauptziel der gemeinnützigen Selbsthilfe-Organisation. Dazu gehört etwa, dass die Schüler gut gedruckte Arbeitsunterlagen erhalten, dass man sie fördert, dass man ihnen bei Klassenarbeiten mehr Zeit als ihren Mitschülern lässt, oder dass bei Benotungen die Lese-Rechtschreibschwäche zu berücksichtigen ist. Entsprechende Vorschriften wurden 1997 in Förder-Richtlinien des saarländischen Bildungsministeriums niedergelegt. Brigitte Klos-Bollbach findet dies nicht schlecht, andererseits aber verbesserungswürdig. Zum Beispiel trage das Land Bayern den besonderen Beeinträchtigungen der Legastheniker noch besser Rechnung.

Dass die Aufklärung über Legasthenie bei der Lehrerausbildung breiteren Raum einnehmen sollte, gehört ebenso zu den Wünschen des Verbandes. Der Saar-Verband wurde 1994 gegründet, übrigens als letzter aller Landesverbände in Deutschland. Heute hat er 60 Mitglieder, darunter nicht nur Eltern, sondern auch Mediziner, Therapeuten und Pädagogen. Besondere Aufmerksamkeit auch in Fachkreisen erlangt er durch seine Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen. So haben sich für diesen Samstag in Lebach (ab 8.30 Uhr, Schönstatt-Zentrum) 130 Teilnehmer angesagt. Mitveranstalter sind das Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung, das Landesinstitut für Pädagogik und Medien sowie der Grundschulverband. Unter anderem referiert der Erziehungswissenschaftler Professor Peter Strittmatter (Uni Saarbrücken) über die Bewältigung von Schulangst. Es geht nämlich um das Thema Legasthenie beim Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen, für die Betroffenen eine oft sehr belastende Veränderung, allein schon weil neue Anforderungen beim Erlernen von Fremdsprachen hinzukommen.


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