Wenn die Buchstaben durcheinander purzeln
Lese- und schreibschwachen Kindern kann mit einer guten Therapie geholfen werden - Legasthenie-Tagung am Samstag in Püttlingen
Wenn Kinder schlecht lesen und schreiben lernen, hat das oft nichts mit ihrer Intelligenz, sondern mit einer Wahrnehmungsstörung zu tun: Legasthenie oder Dyslexie heißt die Lese- und Rechtschreibschwäche.
- Von ESTHER BRAUN -
Schon bei den ersten Versuchen im Kindergarten müssen Eltern und Erzieher feststellen, dass das Kind, verglichen mit seinen Altersgenossen, erhebliche Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat. Ursache ist aber oft nicht mangelnde Intelligenz, sondern eine Sinnesstörung. "Es gibt zwei Arten dieser Störung. Einmal die genetisch bedingte, vererbbare Legasthenie und dann die Lese- und Rechtschreibschwäche, die durch alle möglichen anderen Faktoren verursacht wird," erklärt Mechthild Firnhaber, betroffene Mutter zweier schwer legasthener Söhne und Autorin des Buches "Legasthenie und andere Wahrnehmungsstörungen".Als sie in den 70er Jahren feststellte, dass ihr zweitältester Sohn in der Schule nicht mitkam, nur sehr langsam und fehlerhaft lesen und schreiben lernte und schließlich frustriert resignierte, nahm die engagierte Mutter, auch angesichts der Hilflosigkeit der Lehrer, das Kind mehrmals kurzzeitig aus dem Schulunterricht, um es zu hause selbst zu therapieren. Psychologische Tests ergaben, dass der Junge keineswegs dumm, sondern im Gegenteil hochbegabt war. Lediglich die Analyse und Verarbeitung sprachlicher Reize funktionierte nicht richtig. "Legasthene Kinder haben einige nicht ausreichend arbeitende Zellen, hat die moderne Hirnforschung herausgefunden", erklärt Firnhaber.
Das weiß die betroffene Mutter heute, doch in den 70er Jahren, als ihre Söhne noch klein waren, stand sie ziemlich allein mit ihrem Problem da. Sie machte sich in der Folge kundig, sprach mit Wissenschaftlern, Pädagogen, Psychologen, Lehrern und anderen betroffenen Eltern. 1986 schließlich schrieb sie dann ein Buch über Legasthenie, in dem sie ihre Erfahrungen schildert und Hilfestellung gibt. "Ich will Eltern mit legasthenen Kindern Mut machen", so Mechthild Firnhaber. Denn obwohl genetisch bedingte Legasthenie, nicht heilbar ist, kann eine richtige Therapie doch gute Erfolge erzielen. Ihre eigenen Söhne sind dafür das beste Beispiel: Der Zweitälteste ist heute Chefjurist in einer großen Firma, sein Bruder leitet die Verwaltung eines Krankenhauses.
"Sechs bis acht Prozent eines jeden Schul-Jahrgangs sind genetisch bedingte Legastheniker," weiß Mechthild Firnhaber. "Durch das dauernde Versagen in der Schule, sind die psychischen Probleme dieser Kinder sehr groß". Sie rät Eltern, die bei ihrem Kind Auffälligkeiten feststellen, sofort zu reagieren und das Kind psychologisch testen zu lassen. "Undeutliches Sprechen, späte Sprachentwicklung, körperliche Ungeschicklichkeit, all das sind Warnzeichen, die man ernst nehmen sollte", so Firnhaber. Je früher die Schwäche erkannt und behandelt wird, desto besser können legasthene Kinder später in den normale Unterricht integriert werden.
Seit 1997, so hat das Bildungsministerium verfügt, sollen Lehrer im Saarland Legasthenie erkennen und betroffene Kinder fördern. Eine Vorgabe, die die Lehrer schlichtweg überfordert, denn die wenigsten kennen sich mit der Krankheit aus, kritisiert Brigitte Klos-Bollbach, Vorsitzende des saarländischen Landesverbandes Legasthenie. "Dieses Thema müsste eigentlich zur Lehrer-Grundausbildung gehören", sagt sie. "In jeder Klasse sitzt statistisch gesehen mindestens ein legasthenes Kind." Fördermaßnahmen sind zwar von der ersten bis zur neunten Klasse der Pflichtschulen vorgesehen, doch was, wenn legasthene Schüler Abitur machen wollen? Dann schlägt sich ihre Krankheit nämlich auf die Noten nieder, wissen die Experten.
Dass Legasthenie - wie von der Weltgesundheitsorganisation - auch von den Krankenkassen als Krankheit anerkannt wird, darum kämpft der Bundesverband Legasthenie schon seit Jahren. Die meist jahrelange Therapie für legasthene Kinder ist nämlich teuer. Besonders finanziell weniger gut situierte Eltern stehen vor enormen Problemen, wollen sie ihrem Kind helfen. "Teilweise finanziert das Jugendamt eine Therapie, doch Anträge durchzubringen ist schwierig," so Firnhaber. Hilfe und Beratung finden Eltern bei den Sozialexperten der einzelnen Legasthenie-Landesverbände. Auch Ärzte können weiterhelfen.